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Autonomes Lernen

Andreas Neider (Hrsg.)
Bildung ist mehr als Lernen
Kindergarten und Schule im Dialog
Mit Beiträgen von S. Bardt, G. Hüther, Th.Jachmann, M. Kaiser, G. Lundgren, Chr. Rittelmeyer, P. Singer und J.Vagedes
€ 16,50, Broschiert, 120 Seiten, Verlag: Freies Geistesleben; Auflage: 1 (Dez. 2006); ISBN 3-7725-2066-9

Das Buch zum Kongress "Bildung ist mehr als Lernen"
Was verlangt die Entwicklung des Kindes um ihrer selbst willen?

Die Bildungslandschaft ist seit der PISA-Studie stark in Bewegung geraten, wobei sich die Diskussion schnell auf den Kindergartenbereich und die Frage nach einer früheren Einschulung konzentriert hat. Die Beiträge des vorliegenden Buches wenden sich dagegen wieder der Kernfrage zu: Was verlangt die Entwicklung des Kindes um ihrer selbst willen?

Nicht die Frage nach dem gesellschaftlichen Mehrwert von Bildung, sondern nach dem menschenbildenden Wert der Erziehung steht im Vordergrund der Betrachtung. Dabei kommt es auch auf eine engere Zusammenarbeit von Kindergarten und Schule an.

"Bildung ist mehr als Lernen" stellt interdisziplinäre Ansätze aus den Erziehungswissenschaften, der Neurobiologie, der Entwicklungspsychologie und der Waldorfpädagogik vor. Dabei werden besonders die Bedeutung des kindlichen Spiels, die musikalisch-künstlerische Erziehung und die Sprachentwicklung berücksichtigt. Das Buch wendet sich an Erzieher, Lehrer, Eltern, Therapeuten, Heilpädagogen und Ärzte.

Aus dem Inhalt

Christian Rittelmeyer: Über den Sinn der Kindheit. Leiblich-seelische Aspekte der Bildung

Geseke Lundgren und Peter Singer: Vertrauen durch Erfahrung - der Entwicklungsweg des Kindes vom 4. bis 12. Lebensjahr

Gerald Hüther: Die Ausbildung von Metakompetenzen und Ich-Funktionen während der Kindheit

Jan Vagedes: Wie lernen Kinder heute, ihren Leib zu bilden'. Veränderte Konstitution und «neue Kinderkrankheiten»

Sylvia ßordt: Spirale statt Leiter — der Lehrplan der Waldorfschule als organisches Gebilde

Margarete Kaiser: Den Übergang vom Kindergarten in die Schule neu gestalten, aber wie?

Thomas Jachmann: Autonomes Lernen vom ersten Schultag an


Thomas Jachmann (Grüdungslehrer FreieDorfschuleUnterlengenhardt)
Autonomes Lernen vom ersten Schultag (Auszug)
Anregungen zu einem zeitgemäßen Waldorfunterricht in den Grundschuljahren

Es ist kurz nach 8.30 Uhr. An diesem schönen Sommermorgen haben sich die Schüler der fünften Klasse für ihre morgendliche „soziale Anwärmungsphase“ (von 8.00 – 8:45 Uhr) etwas ganz Besonderes ausgedacht. Vier Kinder brachten ihre Rollbretter mit. Gleich nach ihrer Ankunft in der Schule begannen alle Schüler damit, einen Parcours durch das ganze Schulgelände anzulegen. Jetzt stehen die vierzig Jungen und Mädchen überall verteilt am Rande der Rollbahn und warten auf ihren Einsatz. Am Anfang des Parcours starten wieder einmal zwei Rollbrettfahrer, ein Junge und ein Mädchen. Sie sitzen auf ihren Brettern und werden von zwei Helfern kräftig angeschoben. Nach einigen Metern übernehmen die auf der Strecke verteilten weiteren Helfer den Antrieb des Rollbretts und so geht`s in sausender Fahrt dem Ziel entgegen. Wer wird das Rennen gewinnen? Schon startet das zweite Rollbrettpärchen und die Helfer rennen aufgeregt zurück zu ihrem Einsatzplatz. Immer wieder beginnt die sausende Fahrt von neuem. Erschöpfte Helfer werden wortlos ausgetauscht, es geht nicht mehr um den Sieg, sondern nur noch um das gemeinsame Vergnügen an der holpernden Fahrt. Jeder darf fahren und jeder will schieben! Es ist mittlerweile 8:45Uhr und der Klassenlehrer bittet die erhitzte fröhliche Schar ins Klassenzimmer zum Beginn des Hauptunterrichtes. Sie kommen alle. Ganz ohne Murren, nur mit einem leisen Bedauern, dass die Zeit so schnell vorbeigegangen ist. Sie wissen aber: Morgen geht es weiter. Sie haben mit dem Lehrer diese Zeit vereinbart. Es ist ihre Zeit, die sie selber gestalten dürfen. Der nun folgende Unterricht beginnt ruhig und geordnet, man hat sich schon vorher zusammengefunden und ausgetauscht und ist bereit, sich auf den nun folgenden Unterricht einzulassen. Seit einem Jahr haben sie nun schon diese Freiheit der gemeinsamen morgendlichen Eingewöhnungszeit und wollen sie auch nicht mehr missen. Auch der Lehrer ist zufrieden. Mit diesem „sanften“ Unterrichtsbeginn hat er seinen Schülern ein selbständiges Erfahrungs- und Lernfeld eröffnet, in dem sie neben Bewegung, praktischem Tun und Sinnespflege gegenseitige Achtsamkeit und Sozialverhalten lernen und üben können. Er weiß auch, dass an anderen WaldorfSchulen ähnliche Freiräume gemeinsamer Erfahrung in Spiel, Bewegung und Tätigkeit eingerichtet wurden.

Autonomes Lernen und vorgeschriebenes Lernen

Diese Freiräume bieten im Rahmen der Schule die Gelegenheit zu selbständigen, autonomen Lernen. Freies Spiel in der Unterstufe, eigenverantwortliche Projekte ab der Mittelstufe und in der Oberstufe Kurse von Schülern für Schüler gehalten, kennzeichnen pädagogische Bereiche, in denen autonom gelernt werden kann. Autonomes Lernen geht dabei von der Prämisse aus, dass in jedem Menschen ein Kräftepotential vorhanden ist, welches sich im Verlauf eines selbstbestimmten Lernens entfaltet. Bei einem solchen Prozess stehen nicht Lernziele und Bildungsanforderungen im Mittelpunkt, sondern der Lernende selbst mit seinen Bedürfnissen. Dieses Lernen vertraut auf die Eigenkräfte des Menschen und versucht sie zu wecken. Autonomes Lernen entspringt in seinem Verlauf einer intuitiv richtigen Wahl. Denn gesundes Lernen erfordert das Vertrauen in das eigene Gespür für die geistesgegenwärtige Wahl. Bei kleinen Kindern wird das intuitive, spielerische Element, mit dem sie eigensinnig, aber unverkennbar intelligent ihren individuellen Lernstil entwickeln, sehr deutlich sichtbar. Aus den gleichen Quellen intuitiver, geistesgegenwärtiger Anwesenheit und Selbstverwirklichung, schöpfen auch wir beim eigenen künstlerischen Prozess. Das unfruchtbare Gegenteil eines solchen Lernprozesses bedeutet ein vorgeschriebenes Lernen, dass sich dem Menschen aufdrängen und ihn von außen, fremdbestimmt prägen will.

Wenig Lernen ergibt sich aus gewollten, erzwungenen Versuchen, ein Kind zum Lernen zu bewegen, indem man die fehlende Offenheit künstlich erzeugen will, das heißt von außen motivieren will. Der Diplompädagoge und Professor für Erziehungswissenschaft Wolfgang Hinte beschreibt ein solches schulisches Lernen mit erzwungener oder verdeckt erzwungener Motivation in seiner Fragwürdigkeit sehr treffend:

„Die Schüler sollen letztlich das tun, von dem der Lehrer will, dass sie es tun. Motivieren bedeutet hier: machen, dass jemand selbständig tut, was andere von ihm verlangen. Motivation wird abgeleitet aus vorgeschriebenen Lerninhalten, die außerhalb der Lebenswelt der Schüler entwickelt wurden. Dieses Prinzip erregt in der Schule weiter keine Aufmerksamkeit, weil die Schüler durch den Zwang zur Schule gehen zu müssen, dem Motivationsprinzip keine Abfuhr erteilen können, und „innere Emigration“ zieht zensurenmäßige Konsequenzen nach sich. Hinzu kommt, dass die schulischen Motivationsstrategien zunehmend verfeinert wurden, so dass die Schüler durch immer neue Tricks über ihre realen Bedürfnisse im Unklaren gelassen werden“.

Diese Fremdprägung wird nicht selten vom Lernenden dabei als Druck und Gewaltanwendung erlebt, die seine natürliche Lernfähigkeit und Lernbereitschaft blockieren können. Durch das Erleben der Fremdgesteuertheit und dem Ausgeliefertsein an einen fremden Willen entstehen dann sehr leicht die bekannten und folgenschweren Bedrückungen und Schulängste.

Autonomes Lernen und "Lehrplan"

Ist autonomes Lernen an den WaldorfSchulen ein neuer Gedanke oder ist die Idee vom autonom in Freiheit lernenden Menschen nicht schon von Anfang an durch ihren Gründer Rudolf Steiner mit der Schule verbunden? R.Steiner äußert sich zu diesem Thema sehr dezidiert:

„Wir sind uns eigentlich gar nicht stark genug bewusst, wie wir in der Menschheitsentwickelung zurückgekommen sind; die Menschen waren einmal so weit, dass sie die Kinder mehr oder weniger wild haben aufwachsen lassen; dass sie sie gar nicht besonders haben unterrichten lassen. Da hat man nicht eingegriffen in die Freiheit des Menschen, so in die Freiheit eingegriffen, wie wir das tun. Wir fangen an mit 6 Jahren in die Freiheit des Menschen einzugreifen, und müssen, was wir eben dadurch verbrechen, was wir an Freiheit zerstören, dadurch wieder ausbessern, das wir in der richtigen Weise erziehen. Wir müssen uns klar darüber sein, dass das Wie des Unterrichtens von uns verbessert werden muss, weil wir sonst einem furchtbaren Zustand entgegengehen. Die Leute mögen noch so stark feststellen, wie hoch die Kultur gekommen ist, wie wenig Analphabeten es gibt und so weiter—sie sind doch bloß Abdrücke, Automaten von dem, was in der Schule zubereitet worden ist.“

Auch zu der Aufgabe des Lehrers nimmt er sehr deutlich Stellung. Er hat so zu erziehen, dass der junge Mensch später zu ihm sagen kann:

„Du hast das getan, was mir jetzt möglich macht, vor dir zu erscheinen, mich selber gestaltend als Mensch aus meiner Individualität heraus, die du in scheuer Ehrfurcht unangetastet gelassen hast.“

Vielleicht verdeckt heute noch die Art wie der „Waldorf-Lehrplan“ gehandhabt wird, zu einem guten Teil die Intensionen, die R.Steiner in dieser Hinsicht bei der Schulgründung gehabt hatte. Sein „Lehrplan“ war aber nur Entwurf, mehr nicht!

Schüler sind anders geworden

Durch die veränderte Haltung, die Schüler der Schule heute entgegenbringen, indem sie zum Beispiel wacher und selbstbetonter geworden sind und viel stärker aus eigenem Antrieb lernen wollen, bekommt das autonome Lernen in unserer Zeit ein ganz besonderes Gewicht. Da Schüler Lernaufgaben heute nach ihren eigenen Regeln bearbeiten wollen und nicht nach jenen, welche die Lehrenden vorgeben möchten, laufen noch so gut geplante und systematisch perfekt aufgebaute Unterrichte zusehends in Sackgassen. Der Schweizer Pädagoge Heinz Moser schildert eine solche vermehrt vorkommende Situation sehr treffend:

Man hat versucht, die Situation der Schülerinnen und Schüler vorweg zu nehmen, plante darauf basierend seine Unterrichtssequenzen und ist total überrascht, dass es nicht „funktioniert“. Die Schüler lassen sich nicht darauf ein, sie greifen völlig andere Momente in einem Text auf, als es die Lehrkraft „plante“, die „Motivationsphase“ lässt sie völlig kühl, und das Ziel des Unterrichts bleibt im Alltagstrott auf halbem Weg stecken. („Die fünf Zugpferde haben es wenigstens begriffen“, beruhigt sich die Lehrperson selbst.)“ 4) Solche Unterrichtsstunden sind natürlich auch an WaldorfSchulen nicht unbekannt. Schüler sind entschieden anders geworden und deshalb sollten die Anregungen von R. Steiner zum Thema Lehrplan heute neu gelesen, bedacht, ausgeschöpft, neu betont und ggf. erweitert werden!

Die weiteren Themen in diesem Artikel:

Möglichkeiten und Bedingungen zum Autonomen Lernen in den ersten Schuljahren

Autonomes Lernen im Lehrplan an WaldorfSchulen: Sach-Unterricht

Der anfängliche Erwerb der Kulturtechniken: Schreiben, Lesen und Rechnen durch autonomes Lernen

Bildungstrend heute contra autonomes Lernen Ungerechtfertigtes Übergewicht Praktischer Bildung

Wirklichkeitsgesättigte Beziehung zwischen Erziehern und Kindern

Was verlangt die Entwicklung des Kindes um ihrer selbst willen?

Die Dimensionen des ursprünglichen Lernens Pädagogische Freiräume

Soziales Wärmefeld

Drei Urbilder autonomen Lernens

Selbstinitiiertes Lernen

Autonome Selbsterziehung als Lernprozes

Der neue Lehrer: „Fachmann für autonomes Lernen“

Übungswege des Lehrers Das alt hergebrachte, naive Selbstverständnis des Lehrers Literaturverzeichnis


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